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# Die achtjährige Suche im Dreck – und die unglaublichen Fähigkeiten einer winzigen Mikrobe
- URL: https://www.subtila24.de/die-achtjahrige-suche-im-dreck-und-die-unglaublichen-fahigkeiten-einer-winzigen-mikrobe/
- Published: 2026-10-09T22:29:45.000Z
- Updated: 2026-10-09T22:29:45.000Z
- Description: Acht Jahre Forschung, Tausende Bodenmikroben und eine außergewöhnliche Entdeckung: Eine russische Professorin berichtet über Bacillus subtilis, mehr als 70 Enzyme, antimikrobielle Substanzen und erstaunliche Fähigkeiten, die weit über den Darm hinausreichen.
- Author: Andreas W. Kraus
- Tags: bacillus subtilis, bacillus subtilis dsm 21097 news, DSM 21097, Darmflora, Mikrobiom

*Mehrere Tausend Bodenmikroben, acht Jahre Forschungsarbeit und eine Entdeckung, deren Geschichte bis ins Jahr 1990 zurückreicht. Als 2016 in meinem Auftrag ein Interview mit der russischen Mikrobiologin Prof. Dr. Gryazneva entstand, berichtete sie über eine winzige Mikrobe mit erstaunlichen Fähigkeiten: mehr als 70 Enzymarten, über 30 antimikrobielle Substanzen, Vitamine, interessante Wechselwirkungen mit anderen Mikroorganismen und Forschungsarbeiten, die sogar Blutgefäße, Fortpflanzung und die Entwicklung von Kindern betrafen. Zehn Jahre später ist es höchste Zeit, diese faszinierende Geschichte ausführlich zu erzählen.*

## Acht Jahre im Dreck – auf der Suche nach einem einzigen Naturtalent

Acht Jahre! In dieser Zeit wird aus einem Schulanfänger beinahe ein Teenager, aus einem winzigen Setzling ein stattlicher Baum, und manch einer hat inzwischen dreimal das Auto gewechselt. Russische Wissenschaftler verbrachten diese acht Jahre jedoch mit einer Aufgabe, die auf den ersten Blick etwas verrückt erscheint: Sie suchten nach einer winzigen Mikrobe, die die meisten Menschen vermutlich achtlos unter ihren Schuhsohlen nach Hause tragen würden.

Allerdings nicht irgendeine. Gesucht wurde ein besonderer Vertreter der Art *Bacillus subtilis*, der über außergewöhnliche biologische Fähigkeiten verfügen sollte. Die Forscher untersuchten mehrere Tausend Stämme aus humusreichem Boden, verglichen ihre Eigenschaften und grenzten die Auswahl immer weiter ein. In ergänzenden historischen Unterlagen ist von 116 Kandidaten in der engeren Auswahl die Rede. Nach acht Jahren intensiver Forschungsarbeit stand schließlich ein Stamm im Mittelpunkt, der später bei der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen hinterlegt wurde und heute die Bezeichnung **DSM 21097** trägt.

Warum ein solcher Aufwand für einen Winzling, den wir mit bloßem Auge nicht einmal erkennen können? Weil Mikrobe nicht gleich Mikrobe ist. Das ist bei uns Menschen schließlich auch nicht anders. Wir gehören alle zur selben Art, aber deshalb kann noch lange nicht jeder gleichzeitig einen Automotor reparieren, ein Orchester dirigieren und ein Fünf-Sterne-Menü zaubern. Manche schaffen es ja nicht einmal, beim Geburtstagsständchen den richtigen Ton zu treffen.

Bei Mikroben können die Unterschiede zwischen einzelnen Stämmen darüber entscheiden, welche Enzyme sie herstellen, welche Stoffwechselprodukte sie bilden und wie erfolgreich sie sich gegen andere Mikroorganismen behaupten. Die russischen Wissenschaftler suchten offenbar nach einem ganz besonderen Alleskönner.

Die Geschichte dieser Forschungsarbeiten führt bis ins Jahr 1990 zurück. Über die historischen Bezeichnungen B-11 und B-10172 reicht sie bis zu jenem Stamm, den wir heute als DSM 21097 kennen. Hinter dieser nüchternen Nummer verbirgt sich inzwischen eine Geschichte von 36 Jahren.

Am 18\. Juni 2016 entstand in meinem Auftrag ein ausführliches Interview mit der russischen Mikrobiologin Prof. Dr. Gryazneva. Ich beschäftigte mich damals bereits intensiv mit Bacillus subtilis und wollte mehr über die ungewöhnlichen Eigenschaften dieses besonderen Stammes erfahren. Was die Professorin in diesem Gespräch berichtete, ging jedoch weit über die üblichen Fragen zur Darmflora hinaus.

Die Originalaufnahmen sind bis heute erhalten geblieben. Bei meiner späteren Bearbeitung hat die Bildqualität leider gelitten, doch die Aussagen der Professorin und die damals gezeigten Forschungsbilder sind nach wie vor faszinierend. Als ich das Material erneut durchsah, entdeckte ich Einzelheiten, die es verdienen, viel ausführlicher erzählt zu werden.

Denn die Wissenschaftler hatten offenbar nicht einfach eine besonders widerstandsfähige Mikrobe gefunden. Sie hatten sich mit einem winzigen Lebewesen beschäftigt, dessen biologische Fähigkeiten an eine erstaunlich vielseitige Fabrik erinnern.

## Die kleinste Werkzeugfabrik der Welt?

Wer schon einmal zu Hause etwas reparieren wollte, kennt das Problem. Man öffnet den Werkzeugkasten, sucht den passenden Schraubenschlüssel und stellt fest, dass natürlich genau dieser fehlt. Also versucht man es mit einer Wasserpumpenzange, einem Schraubenzieher oder jener besonderen Form handwerklicher Kreativität, nach der anschließend meistens mehr kaputt ist als vorher.

Unsere kleine Mikrobe scheint wesentlich besser ausgestattet zu sein. Gryazneva berichtete, dass der ausgewählte Stamm **mehr als 70 verschiedene Enzymarten** produzieren könne. Eine molekulare Werkzeugkiste, von der mancher Handwerker nur träumen könnte.

Enzyme sind die Spezialisten der Natur. Sie ermöglichen und beschleunigen chemische Reaktionen, indem sie bestimmte Moleküle bearbeiten. Manche können große Eiweißmoleküle in kleinere Bestandteile zerlegen, andere spalten Stärke oder wirken an zahlreichen weiteren Stoffwechselprozessen mit.

Ein Steak, eine Kartoffel und ein Apfel sehen für uns hauptsächlich nach Mittagessen aus. Chemisch betrachtet sind es jedoch ganz unterschiedliche Baustellen. Proteine bestehen aus langen Aminosäureketten, Stärke aus miteinander verbundenen Zuckerbausteinen. Wer diese Verbindungen zerlegen will, benötigt jeweils passende molekulare Werkzeuge.

Gryazneva erwähnte deshalb ausdrücklich proteolytische und amylolytische Enzyme. Erstere bearbeiten Eiweißverbindungen, letztere Stärke und verwandte Kohlenhydrate. Die Professorin stellte diese Fähigkeiten auch in einen Zusammenhang mit der Verdauung und Verwertung von Nahrungsbestandteilen.

Das eigentlich Erstaunliche ist jedoch nicht nur die Anzahl möglicher Werkzeuge, sondern die Anpassungsfähigkeit der mikrobiellen Produktion. Eine Mikrobe reagiert auf ihre Umgebung. Je nachdem, welche Nährstoffe zur Verfügung stehen und welche Stoffwechselprozesse gerade benötigt werden, kann sie unterschiedliche biologische Programme aktivieren.

Man könnte sagen, Bacillus subtilis betreibt eine Fabrik, deren Produktionsleiter gleichzeitig der einzige Bewohner des Unternehmens ist. Keine Geschäftsführung, keine Konferenzen, keine komplizierten Dienstpläne. Und diese Form biologischer Organisation existiert bereits seit Zeiten, in denen noch niemand wusste, was ein Dienstplan überhaupt ist.

Die Mikrobe stellt ihre Enzyme übrigens nicht her, weil sie sich besonders für unsere Verdauung interessiert. Sie produziert sie, weil sie selbst Nährstoffe erschließen, wachsen und sich in ihrer Umgebung behaupten muss. Und wer im Erdboden überleben möchte, braucht gelegentlich mehr als eine gut ausgestattete Werkstatt.

Denn unter unseren Füßen geht es keineswegs immer friedlich zu.

## Im Waldboden herrscht keine Kuschelstimmung

Ein Waldspaziergang gehört zu den friedlichsten Dingen, die man sich vorstellen kann. Die Vögel zwitschern, Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen und der Boden duftet angenehm nach Moos und feuchter Erde. Würden wir allerdings auf die Größe einer Mikrobe schrumpfen und uns mitten in diesen Boden begeben, wäre es mit der Idylle vermutlich ziemlich schnell vorbei.

Dort unten herrscht ein Gedränge, gegen das selbst eine Großstadt zur Hauptverkehrszeit wie ein beschauliches Dorf wirkt. Unzählige Mikroorganismen konkurrieren um Platz und Nahrung, manche gehen enge Partnerschaften ein, andere verdrängen einander oder versuchen, ihre Nachbarn mit chemischen Mitteln auf Abstand zu halten.

In dieser Welt wird aus unserer kleinen Enzymfabrik ein erstaunlich gut ausgestatteter Überlebenskünstler.

Gryazneva berichtete, dass DSM 21097 nach den damaligen Forschungsarbeiten **mehr als 30 antibiotisch beziehungsweise antimikrobiell wirksame Substanzen** produzieren könne. Darunter erwähnte sie Bakteriozine und weitere Verbindungen, mit denen Mikroorganismen ihre Nachbarn beeinflussen können.

Auf einer historischen Forschungsfolie zeigte sie ein Chromatogramm, auf dem acht Substanzen benannt waren, darunter Bacilysin, Subtilin und Iturin. Wer noch nie ein solches Diagramm gesehen hat, kann es sich wie eine kleine Gebirgslandschaft vorstellen: mehrere unterschiedlich hohe Gipfel, die aus einer nahezu geraden Linie herausragen. Für Wissenschaftler sind solche Signale Hinweise auf die Zusammensetzung einer untersuchten Stoffmischung.

Schon die Vorstellung ist erstaunlich: Ein einziger winziger Organismus soll nicht nur über zahlreiche molekulare Werkzeuge verfügen, sondern gleichzeitig ein ganzes Arsenal chemischer Verbindungen herstellen können.

Doch die entscheidende Frage lautete natürlich, welchen Einfluss diese Stoffe auf andere Mikroorganismen haben.

Und dazu hatte Gryazneva eindrucksvolle Forschungsbilder mitgebracht.

## Als Candida und andere Mikroben unerwünschten Besuch bekamen

Einige Namen möchte man lieber nicht auf einem ärztlichen Laborbefund entdecken. *Staphylococcus aureus*, *Salmonella typhimurium*, *Shigella sonnei* und *Candida albicans* gehören für viele Menschen sicherlich dazu. Genau solche Mikroorganismen tauchten auf den historischen Forschungsfolien auf, die Gryazneva während des Interviews präsentierte.

Eine der Grafiken zeigte, wie sich die untersuchten Kulturen im Verlauf mehrerer Stunden veränderten. Nach zwölf Stunden waren die dargestellten Konzentrationen ungefähr halbiert, und nach 18 Stunden zeigte die Abbildung keine nachweisbaren Kolonien mehr.

Man muss sich das einmal vorstellen: Auf einem Nährboden wachsen Mikroorganismen, und innerhalb weniger Stunden verändert sich die gesamte Situation erheblich. Wo vorher noch sichtbares Wachstum stattfand, waren die untersuchten Organismen unter den damaligen Versuchsbedingungen deutlich zurückgedrängt.

Besonders eindrucksvoll waren die Mikroskopaufnahmen zu *E. coli* K88\. Gryazneva zeigte Bilder, die ihre Forschungsgruppe als Veränderungen bis hin zur Lyse der Bakterienzellen interpretierte. Bei einer solchen Lyse verliert eine Zelle ihre strukturelle Integrität und zerfällt. Begleitende schematische Zeichnungen veranschaulichten, wie Enzyme und andere bakterielle Stoffwechselprodukte bei diesen Vorgängen zusammenwirken könnten.

Doch Candida war im Interview weit mehr als nur ein Name auf einer Laborfolie.

Die Professorin sprach ausführlich über Candidiasis, also Erkrankungen durch Hefepilze der Gattung Candida. Sie erwähnte Beschwerden der Mund- und Genitalschleimhäute, gynäkologische Entzündungen sowie Mundsoor bei kleinen Kindern. Nach ihrer damaligen Forschungsdarstellung könne Bacillus subtilis Candida nicht nur im Wachstum hemmen, sondern unter bestimmten Bedingungen sogar abtöten.

Das ist gerade deshalb interessant, weil Candida kein Bakterium, sondern ein Hefepilz ist. Bakterien und Pilze unterscheiden sich biologisch erheblich, und dennoch können zwischen ihnen intensive chemische Auseinandersetzungen stattfinden. Bestimmte Substanzen aus Bacillus-Arten sind heute gerade wegen ihrer Wirkung auf andere Mikroorganismen ein wichtiges Forschungsgebiet.

Gryazneva berichtete außerdem über Untersuchungen zu Clostridien, krankheitserregenden E.-coli-Varianten und Salmonellen. In ihren Ausführungen ging es um ein erstaunlich breites Spektrum mikrobieller Konkurrenten, deren Wachstum von den Stoffwechselprodukten des untersuchten Stammes beeinflusst werden könne.

Wer diese Laborbilder betrachtet, gewinnt einen Eindruck davon, welche biologischen Möglichkeiten in einer Mikrobe verborgen sein können. Und selbstverständlich drängt sich dabei die Frage auf, welche Rolle solche Wechselwirkungen auch in komplexeren Lebensräumen wie unserem Darm spielen könnten.

Doch jetzt wird die Geschichte erst richtig spannend. Denn während Gryazneva ausführlich schilderte, wie Bacillus subtilis bestimmte Mikroorganismen zurückdrängen könne, berichtete sie bei anderen von einem völlig anderen Verhalten.

## Aus dem Kämpfer wird plötzlich ein Gärtner

Stellen wir uns vor, wir engagieren einen Sicherheitsdienst, um unerwünschte Eindringlinge von unserem Grundstück fernzuhalten. Die Mitarbeiter erledigen ihre Aufgabe zuverlässig, werfen anschließend aber leider auch unsere Familie und sämtliche Freunde hinaus. Nicht besonders hilfreich, schließlich wollten wir unser Haus schützen und nicht die gesamte Nachbarschaft vertreiben.

Bei antimikrobiell aktiven Mikroben stellt sich deshalb eine interessante Frage: Wie unterschiedlich wirken sie auf verschiedene Mitglieder einer mikrobiellen Gemeinschaft?

Gryazneva berichtete über Untersuchungen zur Zusammenarbeit von DSM 21097 mit Laktobazillen und Bifidobakterien. Beide Gruppen gehören zu den bekannten Mikroorganismen, die auch in der natürlichen menschlichen Darmflora vorkommen können.

In den historischen Forschungsunterlagen finden sich Kulturbilder, die als Wiederwachstum solcher Bakterien in Verbindung mit DSM 21097 bezeichnet wurden. Während bestimmte Testorganismen gehemmt wurden, beschrieb die Forschungsgruppe bei anderen offenbar günstigere Wachstumsbedingungen.

Aus dem kleinen Kämpfer wird plötzlich ein Gärtner.

Man stelle sich einen Garten vor, in dem sich einige besonders hartnäckige Pflanzen breitgemacht haben. Sie beanspruchen Licht, Wasser und Nährstoffe, während andere Gewächse zunehmend Schwierigkeiten bekommen. Nun erscheint ein Gärtner, bearbeitet den Boden und schafft günstigere Bedingungen für diejenigen Pflanzen, die bereits vorhanden sind.

Er muss nicht jede einzelne Blume neu mitbringen und auch nicht sämtliche bisherigen Bewohner vertreiben. Seine eigentliche Aufgabe besteht darin, die Bedingungen zu verändern.

Dieses Bild hilft uns, einen wichtigen Gedanken aus Gryaznevas Forschungsdarstellung zu verstehen. Eine Mikrobe kann andere Mikroorganismen nicht nur durch unmittelbare Konkurrenz beeinflussen, sondern möglicherweise auch dadurch, dass sie das gemeinsame Lebensumfeld verändert. Die Professorin sprach in diesem Zusammenhang von bakterieller Symbiose und beschrieb Bacillus subtilis als Organismus, der mit vorhandenen Mitgliedern der Darmflora zusammenwirken könne.

Unser Darm ist schließlich kein leerer Behälter, den wir mit möglichst vielen neuen Mikroben auffüllen müssen. Er ist ein lebendiges Ökosystem, in dem unzählige Bewohner miteinander konkurrieren, kooperieren und sich gegenseitig beeinflussen.

Vielleicht ist deshalb nicht immer entscheidend, wie viele Mikroben wir zusätzlich in den Darm bringen. Ebenso interessant könnte die Frage sein, unter welchen Bedingungen seine bereits vorhandenen Bewohner leben.

Zu diesem Bild des Gärtners passt eine weitere Besonderheit, über die Gryazneva berichtete. Denn unser kleiner Besucher scheint seine Arbeit keineswegs mit dem festen Vorsatz anzutreten, für immer dort zu bleiben.

## Der Besucher, der nach zwei Wochen wieder verschwindet

Viele Menschen stellen sich nützliche Darmmikroben wie neue Mieter vor. Sie sollen einziehen, sich ordentlich einrichten und möglichst dauerhaft bleiben. Nach Gryaznevas damaligen Untersuchungen verhielt sich der untersuchte Bacillus subtilis allerdings anders.

Auf einer historischen Grafik zeigte sie, wie die nachgewiesene Bakterienmenge nach einmaliger Zufuhr zunächst anstieg und anschließend allmählich zurückging. Bis zum 15\. Tag war in der Darstellung kein entsprechender Nachweis mehr vorhanden.

Unser Gärtner packt also irgendwann seine Koffer und zieht weiter.

Während des Interviews wurde die Professorin auch gefragt, ob bei längerer Einnahme ein Gewöhnungseffekt entstehen könne. Ihre Antwort hatte beinahe philosophischen Charakter: Wer solle sich eigentlich an wen gewöhnen – der Mensch an Bacillus subtilis oder Bacillus subtilis an den Menschen?

Ihre Erklärung war einfach. Der untersuchte Bacillus subtilis sei ein Umweltorganismus und kein dauerhaft ansässiger Darmbewohner.

Und genau daraus entsteht eine interessante Überlegung: Muss eine Mikrobe überhaupt dauerhaft im Darm bleiben, um dort eine biologische Aufgabe erfüllen zu können?

Ein Gärtner muss schließlich nicht sein Bett zwischen den Tomaten aufstellen, um seinen Garten zu pflegen. Ebenso können Mikroorganismen aus unserer Nahrung und Umwelt den Verdauungstrakt passieren, ohne sich dauerhaft anzusiedeln. Während ihres Aufenthalts können sie trotzdem mit vorhandenen Bewohnern in Kontakt kommen, Stoffwechselprodukte freisetzen und auf ihre unmittelbare Umgebung reagieren.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, welche Mikroben langfristig in unserem Darm wohnen, sondern auch, welche Besucher dort vorübergehend arbeiten.

Diese Überlegung verändert den Blick auf die Darmflora ganz erheblich. Denn eine mikrobielle Gemeinschaft ist keine starre Sammlung von Bewohnern, sondern ein lebendiges System, das ständig mit seiner Umwelt in Austausch steht.

Und die Eigenschaften, die Gryazneva dem untersuchten Stamm zuschrieb, eröffneten noch weitere interessante Fragen. Ihre nächste Forschungsfolie führte uns nämlich mitten in die Welt der Vitamine.

## Vitamin B12 aus einer Mikrobe? Jetzt wird es besonders interessant

Bei Vitamin B12 denken viele Menschen an Fleisch, Fisch, Eier oder Nahrungsergänzungsmittel. Dabei wird leicht vergessen, dass bestimmte Mikroorganismen die eigentlichen Produzenten dieses Vitamins in der Natur sind.

Der menschliche Körper kann Vitamin B12 nicht selbst herstellen und muss deshalb ausreichend damit versorgt werden. Doch was für uns ein lebenswichtiger Nährstoff ist, gehört für manche Mikroorganismen zu ihrem eigenen biochemischen Repertoire.

Gryazneva präsentierte während des Gesprächs eine Forschungsfolie, auf der gleich mehrere Vitamine aufgeführt waren. Für Vitamin B1 wurde ein Wert bis 50 µg/ml angegeben, für B2 bis 36 µg/ml, für B6 bis 8 µg/ml, für B12 bis 72 µg/ml und für D2 bis 14 µg/ml.

Auf derselben Folie standen außerdem Angaben zu intrazellulären und extrazellulären Proteinen sowie verschiedene Interferonwerte.

Wer diese Tabelle zum ersten Mal betrachtet, könnte meinen, hier werde gerade der Produktionsbericht einer ganzen biochemischen Fabrik vorgestellt. Und tatsächlich waren die Forscher offenbar an weit mehr interessiert als an der bloßen Vermehrung ihrer Mikrobe.

Besonders Vitamin B12 ist ein faszinierendes Thema. Wir Menschen benötigen davon nur vergleichsweise kleine Mengen, sind aber vollständig auf eine ausreichende Versorgung angewiesen. Die biologische Herstellung solcher Verbindungen ist teilweise erstaunlich komplex und zeigt, wie leistungsfähig der Stoffwechsel von Mikroorganismen sein kann.

Die historischen Angaben werfen deshalb spannende Fragen auf: Welche Produktionsbedingungen wurden untersucht? Welche Formen der Vitamine entstanden dabei? Und welchen Einfluss könnte eine solche mikrobielle Aktivität auf ihre unmittelbare Umgebung haben?

Schon die Möglichkeit, dass ein winziger Bodenbewohner ein ganzes Spektrum biologisch interessanter Verbindungen herstellen kann, macht deutlich, warum die Wissenschaftler so viel Zeit in seine Untersuchung investierten.

Gryazneva sprach im Interview außerdem über Proteinverbindungen und weitere Stoffwechselprodukte. Sie beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, wie solche Verbindungen mit Toxinen oder anderen unerwünschten Substanzen interagieren könnten.

Wir begegnen hier also einer Mikrobe, die nach den damaligen Forschungsangaben nicht nur zahlreiche Enzyme und antimikrobielle Stoffe produziert, sondern auch mit der Bildung verschiedenster biologisch aktiver Verbindungen in Verbindung gebracht wurde.

Und damit kommen wir zu einem Organ unseres Körpers, das im engen Austausch mit den Bewohnern unseres Darms steht: unserem Immunsystem.

## Wenn die Darmflora mit unserer Abwehr spricht

Unser Immunsystem ist keine abgeschlossene Festung, die unabhängig vom Rest des Körpers arbeitet. Schleimhäute, Darmbarriere, Immunzellen und mikrobielle Stoffwechselprodukte stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander.

Heute gehört dieses Zusammenspiel zu den besonders interessanten Themen der Mikrobiomforschung. Gryazneva beschäftigte sich bereits damals mit der Frage, welchen Einfluss der untersuchte Bacillus-subtilis-Stamm auf solche Vorgänge haben könnte.

Im Interview erklärte sie, Bacillus subtilis könne die Produktion von Interferon durch Lymphozyten verstärken. Interferone sind Signalproteine, die unter anderem bei der körpereigenen Abwehr von Virusinfektionen eine wichtige Rolle spielen.

Das ist ein bemerkenswerter Gedanke: Eine Mikrobe könnte ihre Umgebung nicht nur durch selbst produzierte antimikrobielle Stoffe beeinflussen, sondern auch mit den Abwehrzellen anderer Lebewesen in Wechselwirkung treten.

Die Professorin beschäftigte sich in diesem Zusammenhang außerdem mit Stress, Psyche und allgemeinem Wohlbefinden. Sie stellte Verbindungen zwischen Verdauungstrakt, Stoffwechsel und seelischem Befinden her.

Wer vor einer wichtigen Prüfung, einer unangenehmen Entscheidung oder einer öffentlichen Rede schon einmal plötzlich seinen Darm gespürt hat, weiß zumindest aus eigener Erfahrung, dass unser Verdauungstrakt auf Stress reagieren kann. Das Sprichwort „Das schlägt mir auf den Magen“ ist schließlich deutlich älter als die moderne Mikrobiomforschung.

Gryazneva verband ihre Überlegungen mit der Produktion von Vitaminen, Proteinen und anderen biologisch aktiven Stoffen. Sie betrachtete den Darm nicht nur als Verdauungsorgan, sondern als Teil eines umfassenden biologischen Zusammenspiels.

Das ist ein Blickwinkel, der heute immer mehr Aufmerksamkeit erhält. Der Darm ist eben nicht bloß ein Rohr, durch das unsere Nahrung wandert, sondern ein hochkomplexer Lebensraum mit intensiven Beziehungen zu vielen anderen Funktionen des Körpers.

Besonders ungewöhnlich wurde das Gespräch, als die Professorin auf bestimmte proteolytische Enzyme zu sprechen kam. Denn plötzlich befanden wir uns nicht mehr bei der Verdauung, sondern bei Blutgefäßen und Blutgerinnseln.

## Was hat eine Bodenmikrobe mit Blutgerinnseln zu tun?

Gryazneva erklärte, dass sie sich mit einem proteolytischen Enzymkomplex beschäftige, dessen Bezeichnung in der erhaltenen deutschen Wiedergabe ungefähr wie „Subtilasi“ klingt. Sie zog dabei Vergleiche mit Streptokinase, einem Wirkstoff, der in der Medizin zur Aktivierung körpereigener Prozesse beim Abbau von Blutgerinnseln eingesetzt werden kann.

Im Interview sprach die Professorin über fibrinolytische Vorgänge, also Prozesse, bei denen fibrinhaltige Gerinnsel abgebaut werden. Sie beschrieb die entsprechenden enzymatischen Eigenschaften und erläuterte ihre Vorstellungen über den Abbau bestimmter Eiweißstrukturen. Außerdem sprach sie über Gefäßelastizität und das Endothel, jene dünne Zellschicht, die unsere Blutgefäße von innen auskleidet.

Damit befanden wir uns plötzlich in einem Forschungsgebiet, das zunächst kaum etwas mit einer unscheinbaren Bodenmikrobe zu tun zu haben scheint.

Besonders lebendig wurde ihre Erzählung durch eine persönliche Beobachtung. Gryazneva berichtete, dass sie sich in einem kardiovaskulären Zentrum untersuchen ließ und dort ihre Gefäßelastizität bewertet worden sei. Nach ihrer Darstellung habe man ihr gesagt, die gemessenen Eigenschaften entsprächen denen eines achtzehnjährigen Menschen.

Man kann sich vorstellen, wie sehr sich eine Wissenschaftlerin über eine solche Aussage freut, wenn sie sich seit vielen Jahren mit biologischen Vorgängen beschäftigt, die sie für besonders interessant hält.

Vor allem zeigt diese Episode, wie weit Gryaznevas wissenschaftliche Neugier reichte. Sie interessierte sich nicht nur dafür, welche Enzyme ein Bakterium herstellen kann, sondern auch dafür, welche Aufgaben solche Enzyme grundsätzlich übernehmen könnten.

Die Erforschung fibrinolytischer Enzyme aus Mikroorganismen ist ein faszinierendes biotechnologisches Gebiet. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die Natur über molekulare Werkzeuge verfügt, mit denen selbst äußerst stabile Eiweißstrukturen verändert werden können.

Und genau das macht die Geschichte so spannend: Was ursprünglich mit einer jahrelangen Suche nach einem besonders leistungsfähigen Bodenbewohner begann, führte zu Forschungsfragen, die weit über den Darm hinausreichen.

Doch die Professorin hatte noch weitere Überraschungen zu bieten. Denn ihre Schilderungen führten schließlich zu einem Forschungsinstitut, das man bei einer solchen Mikrobe kaum erwartet hätte.

## Eine Mikrobe, das russische Verteidigungsministerium und die Fortpflanzung

Gryazneva berichtete zunächst über Beobachtungen aus der Tierhaltung. Dabei ging es um Veränderungen der Spermienmenge, der Spermienqualität und der Fortpflanzungsbereitschaft nach Anwendungen von Bacillus subtilis.

Schon das ist ein ungewöhnliches Thema für ein Gespräch über Bodenmikroben. Doch anschließend erwähnte sie eine Forschungseinrichtung, die neugierig macht: ein Forschungsinstitut für militärtechnische Probleme des russischen Verteidigungsministeriums in Jekaterinburg.

Nach ihrer Darstellung hatten Wissenschaftler dieser Einrichtung Untersuchungen an Menschen durchgeführt. Dabei ging es unter anderem um gynäkologische Entzündungen, Vaginitis und Veränderungen der Gebärmutterschleimhaut.

Man stelle sich diese Forschungsgeschichte einmal in ihrer ganzen Entwicklung vor. Sie beginnt mit Tausenden winziger Mikroben aus humusreichem Boden, führt über acht Jahre Auswahl und die Untersuchung zahlreicher Enzyme und Stoffwechselprodukte und reicht schließlich bis zu Forschungen in Einrichtungen, die man bei einem gewöhnlichen Darmbakterium kaum erwarten würde.

Gryazneva sprach in diesem Zusammenhang auch über Männergesundheit, Fruchtbarkeitsprobleme und Infektionen des Urogenitaltrakts. Besonders ausführlich kam sie erneut auf Candida zurück, das unter bestimmten Umständen sowohl im Genitalbereich als auch an anderen Schleimhäuten Beschwerden verursachen kann.

Die Professorin beschrieb die damaligen Anwendungen und Forschungsbeobachtungen mit großer Überzeugung. Ihre Ausführungen zeigen, wie breit das Interesse an den Eigenschaften dieses Bacillus-subtilis-Stammes angelegt war.

Und dabei muss man sich immer wieder vor Augen halten, womit wir es hier zu tun haben: nicht mit einem kompliziert konstruierten technischen Gerät, sondern mit einem winzigen Lebewesen, dessen Vorfahren seit unvorstellbar langer Zeit Bestandteil natürlicher Ökosysteme sind.

Vielleicht unterschätzen wir solche Organismen gerade deshalb, weil sie so unscheinbar sind.

Dabei war das Interview noch keineswegs am Ende angekommen. Gegen Schluss wurde ein Themenbereich angesprochen, der die frühe Entwicklung des Menschen betrifft: Schwangerschaft, Stillzeit und die ersten Lebensmonate eines Kindes.

## Schwangerschaft, Muttermilch und die ersten Monate des Lebens

Die frühe Entwicklung unserer Darmflora gehört zu den faszinierendsten Vorgängen des menschlichen Lebens. Schon in den ersten Lebensmonaten entsteht im Verdauungstrakt eines Kindes eine komplexe mikrobielle Gemeinschaft, deren Zusammensetzung unter anderem durch Geburt, Ernährung, Umweltkontakte und die mütterliche Mikroflora beeinflusst wird.

Gryazneva hatte die Bedeutung dieser frühen Besiedlung bereits im Verlauf des Interviews angesprochen. Später wurde sie ausführlicher über Schwangerschaft, Stillzeit und Säuglinge befragt.

Dabei ging es ausdrücklich um eine damals untersuchte beziehungsweise besprochene Kombination aus Moringa und Bacillus subtilis DSM 21097.

Die Professorin schilderte ihre Vorstellungen darüber, wie die Ernährung der Mutter, biologisch aktive Stoffe und mikrobielle Stoffwechselprozesse mit der Milchbildung, der Zusammensetzung der Muttermilch und der Verdauung des Kindes zusammenhängen könnten.

Sie sprach über den Milchfluss, die Versorgung des mütterlichen Organismus und die Bedeutung einer gut funktionierenden Verdauung für die Entwicklung des Säuglings. Außerdem beschäftigte sie sich mit der Rolle bestimmter Enzyme bei der Verwertung von Nährstoffen.

Man merkt diesen Ausführungen an, wie sehr Gryazneva biologische Zusammenhänge als ein großes Ganzes betrachtete. Für sie standen nicht nur einzelne Bakterien im Mittelpunkt, sondern die Beziehungen zwischen Ernährung, Stoffwechsel, Darmflora und den verschiedenen Entwicklungsphasen des Lebens.

Besonders weit gingen ihre damaligen Überlegungen zur Verwendung der Kombination bei kleinen Kindern. Sie sprach sogar über Anwendungen im Zusammenhang mit dem Beginn der Beikost in den ersten Lebensmonaten.

Diese Aussagen sind Bestandteil des historischen Interviews und dokumentieren die damaligen Überzeugungen der Professorin; sie sind keine heutigen Anwendungsempfehlungen für Säuglinge oder Schwangere. Spannend bleibt die Forschungsfrage dahinter: Wie beeinflussen Ernährung und Mikroorganismen die frühe Entwicklung eines komplexen Darmökosystems?

Auch Erfahrungen mit neugeborenen Nutztieren kamen zur Sprache. Gryazneva berichtete über Milchkälber und Ferkel, die nach ihrer Darstellung die Kombination aus Bacillus subtilis und Moringa erhalten hatten. Dabei seien in den beschriebenen Beobachtungen keine entsprechenden Verdauungsstörungen festgestellt worden.

Solche Erfahrungen zeigen, dass die damaligen Forschungsinteressen offenbar über unterschiedliche Altersstufen und Tierarten hinweg reichten.

Und damit schließt sich ein bemerkenswerter Kreis. Unsere Geschichte begann mit einer Mikrobe aus humusreichem Boden, die sich gegen zahllose Konkurrenten behaupten muss. Nun sind wir bei Fragen über die Ernährung, Verdauung und Entwicklung junger Lebewesen angekommen.

Dazwischen liegen Enzyme, Vitamine, antimikrobielle Stoffe, Immunfunktionen und ein ganzes Spektrum ungewöhnlicher Forschungsbeobachtungen.

## Warum Moringa in diesem Interview eine Rolle spielte

Ein Teil des Gesprächs von 2016 beschäftigte sich nicht ausschließlich mit Bacillus subtilis, sondern ausdrücklich mit dessen damaliger Kombination mit der Pflanze Moringa. Diese historische Gesprächssituation gehört zur Geschichte und sollte nicht nachträglich verschwinden.

Gryazneva sprach über Pflanzeninhaltsstoffe, Antioxidantien und mögliche Zusammenhänge zwischen mikrobiellen Enzymen und der Verwertung bestimmter Nahrungsbestandteile. Dabei beschäftigte sie sich auch mit Fragen zum Säure-Basen-Milieu und zur inneren Regulation des Organismus.

Das grundsätzliche biologische Thema dahinter ist interessant: Pflanzen liefern zahlreiche chemische Verbindungen, die von Mikroorganismen unter bestimmten Bedingungen verarbeitet oder verändert werden können. Das Zusammenspiel zwischen pflanzlicher Ernährung und mikrobiellem Stoffwechsel ist heute ein wichtiger Bereich der Ernährungs- und Mikrobiomforschung.

Moringa gehörte deshalb zu den Themen, über die Gryazneva damals sprach. Für unsere Geschichte ist dabei weniger die einzelne Pflanze entscheidend als die größere Frage, wie Mikroorganismen mit den Nährstoffen und Inhaltsstoffen ihrer Umgebung umgehen.

Schließlich begann die gesamte Forschung mit genau dieser Überlegung: Welche besonderen biologischen Fähigkeiten besitzt eine Mikrobe, die wir aus dem Erdboden isolieren können?

Und welche Möglichkeiten eröffnet uns das Verständnis dieser Fähigkeiten?

## Fast vier Jahrzehnte Forschung – und die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Als ich mich vor rund 15 Jahren intensiver mit Bacillus subtilis zu beschäftigen begann, hätte ich vermutlich nicht erwartet, wie viele Türen dieses unscheinbare Lebewesen öffnen würde.

Die dokumentierte Stammesgeschichte führt bis ins Jahr 1990 zurück. 2016 entstand in meinem Auftrag das Interview mit Prof. Dr. Gryazneva, und heute, im Jahr 2026, liegen die Aufnahmen und Forschungsfolien noch immer vor mir. Seit dem frühen Ausgangspunkt dieser Geschichte sind 36 Jahre vergangen.

Was mich daran fasziniert, ist nicht nur die Zahl von mehr als 70 Enzymarten oder die Angabe über mehr als 30 antimikrobielle Substanzen. Es ist das Zusammenspiel all dieser biologischen Fähigkeiten und die enorme Vielfalt der Fragen, die sich daraus ergeben.

Da ist zunächst die molekulare Werkzeugfabrik, die Enzyme und andere Stoffwechselprodukte herstellt. Dann die Mikrobe, die bestimmte Konkurrenten unter Laborbedingungen hemmt und nach den historischen Beobachtungen gleichzeitig das Wachstum anderer Mikroorganismen begünstigen könnte.

Wir begegnen einem vorübergehenden Darmbesucher, beschäftigen uns mit Vitaminen, Proteinverbindungen und Immunfunktionen, betrachten die ungewöhnlichen Forschungen zu Candida und erfahren schließlich von Untersuchungen, die bis zu Blutgefäßen, Fortpflanzung und frühkindlicher Entwicklung reichen.

Die Arbeit von Gryazneva und ihren Kollegen zeigt vor allem, wie lohnend es sein kann, die Natur mit wissenschaftlicher Neugier zu betrachten. Wer acht Jahre damit verbringt, unter mehreren Tausend Mikroben einen besonders interessanten Stamm zu suchen, muss eine bemerkenswerte Vorstellung davon besitzen, welche Möglichkeiten sich in dieser unsichtbaren Welt verbergen.

Und genau diese Neugier ist es, die Wissenschaft voranbringt. Jemand beobachtet etwas, das andere vielleicht übersehen hätten. Er untersucht es, stellt Fragen, entdeckt neue Zusammenhänge und beginnt, noch genauer hinzusehen.

Manchmal entsteht daraus eine neue Erklärung für einen längst bekannten biologischen Vorgang. Manchmal eröffnet eine Beobachtung völlig neue Forschungsrichtungen. Und manchmal dauert es Jahrzehnte, bis wir wirklich verstehen, welche Bedeutung eine Entdeckung haben könnte.

Wir Menschen neigen dazu, Mikroben in zwei Schubladen einzusortieren: die guten und die bösen. Als könnte man die gesamte mikrobielle Welt einfach auf zwei Regale eines Supermarktes verteilen.

Doch Mikroorganismen besitzen ihre eigene Biologie, ihre eigenen Überlebensstrategien und ihre eigenen Beziehungen zu anderen Lebewesen. Sie produzieren Enzyme, tauschen chemische Signale aus, konkurrieren miteinander und passen sich an Veränderungen ihrer Umwelt an.

Und gerade dadurch können sie für uns interessant werden.

Vielleicht liegt darin einer der wichtigsten Gedanken, die ich aus diesem Interview mitgenommen habe: Es reicht nicht, eine Mikrobe nur nach ihrem Namen oder ihrer bloßen Anwesenheit zu beurteilen. Wir sollten verstehen, was sie tatsächlich tut, welche Stoffe sie herstellt, wie sie andere Mikroorganismen beeinflusst und welche Veränderungen sie in ihrer Umgebung auslösen kann.

Die historischen Forschungsarbeiten von Gryazneva geben uns dafür zahlreiche Denkanstöße. Besonders schön finde ich, dass aus einer zunächst unscheinbaren Suche im Erdboden eine Geschichte entstanden ist, die uns bis in die kompliziertesten biologischen Zusammenhänge unseres eigenen Körpers führt.

Und während ich mir heute die Aufnahmen von 2016 noch einmal ansehe, muss ich über einen Gedanken schmunzeln.

Irgendwo in einer Handvoll Erde verrichtet gerade ein Bacillus subtilis seine Arbeit. Er produziert Enzyme, reagiert auf seine Nachbarn und passt seinen Stoffwechsel an seine Umgebung an. Ganz ohne Publikum, ohne Pressekonferenz und vermutlich auch ohne jedes Interesse daran, dass wir Menschen ihm irgendwann eine wissenschaftliche Nummer gegeben haben.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieser winzigen Lebewesen. Sie brauchen weder unsere Anerkennung noch unsere Aufmerksamkeit, um ihre erstaunlichen Fähigkeiten einzusetzen. Das tun sie seit unvorstellbar langer Zeit.

**Vielleicht sollten wir uns öfter daran erinnern, dass die Natur ihre erstaunlichsten Geschichten manchmal dort schreibt, wo wir gewöhnlich nur Dreck sehen.**

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*Zur historischen Quelle: Dieser Artikel basiert auf dem in meinem Auftrag entstandenen Interview mit Prof. Dr. Gryazneva vom 18\. Juni 2016 sowie den damals gezeigten Forschungsabbildungen zu Bacillus subtilis DSM 21097\. Die beschriebenen Versuchsergebnisse, Zahlen und weiterführenden Aussagen geben die Forschungsdarstellungen der Professorin aus jener Zeit wieder. Laborbeobachtungen und persönliche Erfahrungen sind dabei von klinisch bestätigten Anwendungen zu unterscheiden. Nicht alle zugehörigen Originalstudien und Versuchsprotokolle liegen vollständig vor.*

**Andreas W. Kraus**

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