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# Jeder kennt Sauerkraut – warum kennt kaum jemand Bacillus subtilis?
- URL: https://www.subtila24.de/warum-kennt-kaum-jemand-bacillus-subtilis/
- Published: 2026-09-24T00:42:04.000Z
- Updated: 2026-09-27T22:06:48.000Z
- Description: Jeder kennt Sauerkraut, Joghurt und Kefir. Doch kaum jemand kennt Bacillus subtilis – ein Bakterium mit einer erstaunlichen Stoffwechselwelt. Was geschieht, wenn seine Sporen unseren Darm erreichen?
- Author: Andreas W. Kraus

Sauerkraut kennt jeder. Joghurt auch. Kefir ebenfalls. Wir wissen seit Ewigkeiten, dass winzige Mikroorganismen Lebensmittel verändern können. Sie machen aus Milch Joghurt, aus Kohl Sauerkraut und aus Sojabohnen Natto. Sie nehmen vorhandene Stoffe, zerlegen sie, bauen sie um und lassen dabei etwas Neues entstehen.

Merkwürdigerweise denken wir viel seltener darüber nach, dass **genau solche Prozesse auch in uns stattfinden.**

Wenn du morgens frühstückst, ernährst du nämlich nicht nur dich selbst. Ein Teil dessen, was du isst, gelangt zu einer riesigen Gemeinschaft von Mikroorganismen in deinem Verdauungstrakt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die kleinen Mitbewohner würden uns einfach einen Teil unseres Essens wegfuttern. Tatsächlich geschieht etwas viel Interessanteres: **Sie verarbeiten Bestandteile unserer Nahrung weiter.** Sie zerlegen Moleküle, bauen andere daraus auf und erzeugen Stoffe, die vorher überhaupt nicht vorhanden waren.

Was wir essen und was unser Körper schließlich daraus zur Verfügung hat, ist deshalb nicht dasselbe. **Dazwischen arbeitet eine gewaltige mikrobielle Welt.**

## Ein Bakterium, das kaum jemand kennt

Und in dieser Welt gibt es ein Bakterium, dessen Namen die meisten Menschen noch nie gehört haben, obwohl es zu den am intensivsten erforschten Bakterien überhaupt gehört: **Bacillus subtilis**.

Was dieses Bakterium so außergewöhnlich macht, ist die enorme biologische Ausstattung, die in diesem winzigen Organismus steckt. In einer metabolomischen Untersuchung wurden zunächst etwa 300 bis 350 unterschiedliche Metaboliten in Bacillus-subtilis-Zellen gemessen. Weil mit den damaligen Methoden nur ein Teil davon identifiziert werden konnte, kamen die Wissenschaftler zu einer bemerkenswerten Abschätzung: Das vollständige Metabolom von Bacillus subtilis könnte in einer Größenordnung von **1.200 bis 1.400 verschiedenen Stoffwechselprodukten** liegen.

### Bis zu 1.400 verschiedene Stoffe – hervorgebracht von einem einzigen Bakterium.

Damit öffnet sich eine chemische Welt, die man diesem unscheinbaren Mikroorganismus kaum zutrauen würde. Bacillus subtilis kann **Enzyme produzieren, Proteine und andere Nährstoffe erschließen, Peptide bilden, Signalmoleküle austauschen** und Substanzen herstellen, mit denen er seine Umgebung und andere Mikroorganismen beeinflusst. Unter seinen Stoffwechselprodukten finden sich auch biologisch aktive Stoffgruppen wie Surfactine, Fengycine und Iturine.

## Die Spore: konserviertes Leben

Und genau dieser Organismus kann mit unserer Nahrung in Berührung kommen.

Bacillus subtilis hat dafür eine bemerkenswerte Überlebensstrategie entwickelt. Werden die Lebensbedingungen schwierig, bildet er eine **Spore**. Sein Leben wird damit gewissermaßen konserviert. In dieser Form übersteht er Bedingungen, unter denen viele andere Bakterien längst nicht mehr lebensfähig wären. Gelangt die Spore wieder in eine passende Umgebung, kann aus ihr erneut eine aktive Bakterienzelle entstehen.

Das kann auch im Verdauungstrakt geschehen. **Bacillus-subtilis-Sporen können die Magenpassage überstehen und anschließend keimen.** Aus der widerstandsfähigen Spore wird damit wieder genau der Organismus, dessen enorme Stoffwechselwelt wir gerade kennengelernt haben.

Und jetzt befindet er sich dort, wo auch unser Essen ankommt.

Proteine, Fette, Kohlenhydrate und viele andere Bestandteile unserer Nahrung treffen nicht nur auf unsere eigenen Verdauungsenzyme. Sie treffen auch auf die Mikroorganismen unseres Darms und deren Stoffwechsel. Bacillus subtilis bringt seine eigenen Enzyme und biochemischen Möglichkeiten in dieses Geschehen ein. Er kann vorhandene Stoffe zerlegen, umwandeln und daraus wiederum andere Moleküle entstehen lassen.

### Damit wird aus einer unscheinbaren Spore etwas Erstaunliches: eine lebende biochemische Fabrik, die wir unserem Darm zuführen können.

## Unser Darm ist keine friedliche Wohngemeinschaft

Dort ist sie allerdings nicht allein. Unser Darm ist keine friedliche Wohngemeinschaft. Dort wird Nahrung genutzt, Lebensraum besetzt, kommuniziert und konkurriert. Manche Mikroorganismen sind für uns ausgesprochen willkommen, andere möchten wir lieber nicht in großer Zahl beherbergen. Bestimmte Bakterien können unter entsprechenden Bedingungen unerwünschte oder sogar toxische Stoffe produzieren.

Bacillus subtilis besitzt selbst ein bemerkenswertes Arsenal, um sich in dieser Welt zu behaupten. Vertreter dieser Art produzieren **zahlreiche antimikrobiell wirksame Substanzen**, konkurrieren um Nährstoffe und Lebensraum und können dadurch ihre unmittelbare mikrobielle Umgebung mitgestalten.

## Der Darm endet nicht im Darm

Warum uns das interessieren sollte, wird deutlich, wenn man den Darm nicht als abgeschlossenen Verdauungsschlauch betrachtet. Die Stoffe, die dort entstehen, bleiben nicht einfach dort. Moleküle aus dem mikrobiellen Stoffwechsel können mit unserer Darmschleimhaut in Kontakt treten, aufgenommen werden und über den Kreislauf andere Bereiche unseres Körpers erreichen.

### Was unsere Mikroorganismen produzieren, kann deshalb weit über den Darm hinaus Bedeutung bekommen.

Unser **Stoffwechsel und unser Immunsystem** stehen mit dieser mikrobiellen Welt in Verbindung. Über die **Darm-Hirn-Achse** bestehen Kommunikationswege zwischen Darm und Gehirn. Auch **Haut und Darm** sind über immunologische und metabolische Prozesse miteinander verbunden. Und selbst während des **Alterns** verändert sich unser Mikrobiom – und mit ihm die gewaltige chemische Fabrik, die wir ein Leben lang in uns tragen.

Damit bekommt die Frage, **wer in unserem Darm lebt, was wir diese Mikroorganismen füttern und was sie daraus herstellen**, eine vollkommen andere Dimension.

## Er muss nicht für immer bleiben

Bacillus subtilis gehört dabei nicht zu den Bakterien, die für immer in unserem Darm wohnen müssen. Er kann ihn passieren, dort zeitweise aktiv sein und anschließend wieder verschwinden. Das macht ihn nicht weniger interessant.

Wir essen schließlich auch nicht einmal im Leben einen Apfel und erwarten, dass er uns anschließend für immer versorgt. **Was wir regelmäßig nutzen wollen, führen wir regelmäßig wieder zu.**

## Bacillus subtilis ist nicht einfach Bacillus subtilis

Und damit kommen wir zu der Frage, die jetzt wirklich entscheidend wird:

### Wenn Bacillus subtilis so viel kann – welchen Bacillus subtilis würde ich meinem Darm zuführen?

Denn Bacillus subtilis ist nicht einfach Bacillus subtilis. Es existieren **unterschiedliche Stämme mit unterschiedlichen Eigenschaften.**

Anfang der 1990er-Jahre begann eine außergewöhnliche Suche. Nach den Angaben der beteiligten Mikrobiologin Tatjana Gryazneva wurden annähernd **1.000 Bacillus-Stämme untersucht**. Sie wurden geprüft, verglichen und ausgesiebt. Von diesen annähernd tausend blieben schließlich **116 Kandidaten** übrig.

Unter ihnen fiel ein Stamm besonders auf:

## B-11

Er vereinte Eigenschaften, die ihn für die weitere Arbeit interessant machten, und wurde anschließend über viele Jahre weiter untersucht. Fast drei Jahrzehnte Forschung und Anwendung liegen inzwischen hinter diesem Stamm. Nahezu parallel zu seiner späteren Hinterlegung als DSM 21097 taucht dieselbe Stammlinie auch unter der Bezeichnung **B-10172** auf.

Heute kennen wir diesen Stamm unter einem Namen, der zunächst vollkommen unspektakulär klingt:

# Bacillus subtilis DSM 21097

Damit steht **DSM 21097** nicht einfach für irgendeinen Bacillus subtilis, den jemand gefunden, vermehrt und irgendwann in eine Kapsel gefüllt hat. Hinter dieser Nummer steht ein Stamm, der aus einer Untersuchung von annähernd **1.000 Bacillus-Isolaten** hervorging, eine mehrstufige Auswahl durchlief und anschließend über Jahrzehnte weiter untersucht und verwendet wurde.

## Und jetzt schließt sich der Kreis

Wir überlegen jeden Tag, was wir essen. Wir kaufen bestimmte Lebensmittel, achten auf Eiweiß, Fett, Zucker, Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Gleichzeitig tragen wir eine mikrobielle Welt in uns, die Teile dieser Nahrung weiterverarbeitet und dabei **eine kaum vorstellbare Vielfalt neuer Moleküle entstehen lässt.**

Wir können diese Welt nicht vollständig kontrollieren. Aber wir können beeinflussen, was wir ihr zu essen geben. Und wir können beeinflussen, **welche Mikroorganismen wir ihr regelmäßig zuführen.**

Wenn ein Bacillus subtilis als widerstandsfähige Spore in meinen Verdauungstrakt gelangen, dort wieder aktiv werden, Enzyme bilden, Nährstoffe verarbeiten, mit anderen Mikroorganismen konkurrieren und zu einer chemischen Welt von möglicherweise **1.200 bis 1.400 verschiedenen Stoffwechselprodukten** beitragen kann, dann ist für mich die entscheidende Frage nicht mehr:

### Warum sollte ich Bacillus subtilis nehmen?

Sondern:

# Warum habe ich von diesem Bakterium eigentlich noch nie gehört?