Darmpflege vor Hautpflege?

Was hat unsere tägliche Hautpflege mit dem Darm zu tun? Die Forschung zur Darm-Haut-Achse zeigt ein faszinierendes Netzwerk aus Mikrobiom, Leber, Galle, Stoffwechsel und Haut – und mittendrin begegnet uns Bacillus subtilis.

Teilen
Darmpflege vor Hautpflege?
Hautpflege beginnt nicht nur an der Oberfläche: Darmmikrobiom, Leber, Galle, Stoffwechsel und Immunsystem bilden ein komplexes Netzwerk, in dem auch Bacillus subtilis seinen Platz hat.

Wir cremen unsere Haut jeden Tag. Aber pflegen wir überhaupt den richtigen Ort?

Für unsere Haut tun wir erstaunlich viel. Morgens wird gereinigt und gecremt, tagsüber geschützt und am Abend beginnt das Ritual von Neuem. In manchen Badezimmern steht nur eine einfache Feuchtigkeitscreme, in anderen findet sich eine kleine Sammlung aus Seren, Ölen, Peelings, Nachtpflege und Anti-Aging-Produkten. Wer möglichst wenig Chemie verwenden möchte, greift zu Naturkosmetik, doch das Grundprinzip bleibt dasselbe: Wenn wir unserer Haut etwas Gutes tun wollen, tragen wir etwas auf sie auf.

Dabei lohnt sich eine ungewöhnliche Frage: Was würde unsere Haut eigentlich tun, wenn wir sie einfach einmal machen ließen?

Erstaunlich viel, denn unsere Haut ist keine passive Hülle, die darauf wartet, morgens von uns gepflegt zu werden. Sie erneuert fortwährend ihre äußeren Zellschichten, produziert Fette und Talg, reguliert ihren Wasserhaushalt und erhält eine Barriere, die unseren Körper gegenüber der Außenwelt abschirmt. Was wir mit einer Creme unterstützen wollen, versucht die Haut also zunächst selbst zu leisten.

Man kann sich ihre äußerste Schicht ein wenig wie eine Mauer vorstellen. Die Hautzellen bilden die Ziegelsteine, verschiedene Hautfette liegen wie Mörtel dazwischen und sorgen dafür, dass Wasser nicht ungehindert verloren geht und unerwünschte Stoffe nicht einfach eindringen können. Auf dieser Mauer befindet sich außerdem ein leicht saures Milieu, das viele noch unter dem schönen alten Begriff „Säureschutzmantel“ kennen.

Doch diese Mauer ist alles andere als steril. Auf ihr lebt eine ganze Welt aus Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen, die gemeinsam das Hautmikrobiom bilden. Eine gesunde Haut ist deshalb nicht möglichst keimfrei, sondern von einer Gemeinschaft winziger Lebewesen besiedelt, die untereinander um Platz und Nahrung konkurrieren und mit unserer Haut und ihrem Immunsystem in Verbindung stehen.

Ausgerechnet die Kosmetikindustrie, die uns jahrzehntelang Produkte zum Reinigen und Entfernen angeboten hat, entdeckt deshalb gerade die Mikroben neu. „Microbiome Skincare“ ist zu einem eigenen Trend geworden. Es gibt präbiotische Pflege, Fermente, Postbiotika und Formulierungen, die das natürliche Hautmikrobiom möglichst wenig stören oder gezielt unterstützen sollen.

Das ist ein bemerkenswerter Wandel. Erst wollten wir die Mikroben möglichst gründlich von unserer Haut herunterbekommen, nun sollen sie plötzlich bei ihrer Pflege helfen.

Doch wenn wir gerade entdecken, welche Bedeutung Mikroorganismen für unsere Haut besitzen, sollten wir den Blick nicht an ihrer Oberfläche beenden. Denn nur wenige Meter weiter innen befindet sich ein noch viel größeres mikrobielles Ökosystem.

Unser Darm.

Und dort begegnet uns Bacillus subtilis.

Ein Gärtner einige Meter unter unserer Haut

Eine Spore von Bacillus subtilis wirkt zunächst unspektakulär. Man kann sie sich wie einen winzigen Samen vorstellen, der in eine außergewöhnlich widerstandsfähige Schutzhülle eingeschlossen ist. In diesem Zustand übersteht die Mikrobe Bedingungen, unter denen normale Bakterienzellen längst nicht mehr lebensfähig wären.

Mit Nahrung oder Flüssigkeit gelangt eine solche Spore durch unseren Verdauungstrakt. Sie passiert den Magen und erreicht schließlich den Dünndarm, wo sie auf eine vollkommen andere Umgebung trifft. Dort gibt es Wärme, Wasser, Nährstoffe, Verdauungssäfte und eine bereits vorhandene mikrobielle Gemeinschaft. Unter geeigneten Bedingungen keimt die Spore aus, und aus dem widerstandsfähigen Überlebensstadium entsteht wieder eine stoffwechselaktive Bakterienzelle.

Jetzt geschieht etwas, das eine Vitamin- oder Mineralstofftablette nicht kann: Die Mikrobe beginnt selbst zu arbeiten.

Bacillus subtilis nimmt Stoffe aus seiner Umgebung auf, verarbeitet sie und bildet dabei Enzyme und zahlreiche weitere Stoffwechselprodukte. Gleichzeitig befindet er sich in einer dicht besiedelten Landschaft, in der Mikroorganismen miteinander um Nahrung und Lebensraum konkurrieren und sich mit chemischen Mitteln gegenüber ihren Nachbarn behaupten.

Genau deshalb nennen wir Bacillus subtilis den Darmgärtner. Ein Gärtner bringt schließlich nicht nur einen einzelnen Stoff in seinen Garten. Er arbeitet innerhalb eines bestehenden Ökosystems und verändert dort die Bedingungen, unter denen sich andere Organismen entwickeln.

Über die beeindruckende biochemische Werkzeugkiste von Bacillus subtilis haben wir in unserem Artikel über die Stoffwechselfabrik bereits ausführlich berichtet. Für unsere Hautgeschichte interessiert uns diesmal etwas anderes: Dieser Gärtner arbeitet nicht irgendwo isoliert in einem Verdauungsrohr, sondern an einer der größten Kontaktflächen unseres Körpers.

Und diese Kontaktfläche steht mit unserer Haut in Verbindung.

Unsere Haut wird nicht im Badezimmer gebaut

So selbstverständlich dieser Satz klingt, so leicht vergessen wir ihn bei der täglichen Hautpflege. Die Creme erreicht unsere Haut von außen, doch die lebenden Hautzellen werden von innen versorgt. Aminosäuren, Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe und andere benötigte Substanzen gelangen über unseren Stoffwechsel dorthin, wo neue Zellen entstehen und Gewebe erhalten wird.

Auch Hormone hinterlassen sichtbare Spuren. Sie beeinflussen beispielsweise die Talgproduktion, weshalb sich das Hautbild während der Pubertät, im Monatszyklus oder in anderen hormonellen Lebensphasen verändern kann. Stress kann sich ebenfalls auf Hauterkrankungen auswirken, Schlafmangel steht manchen Menschen morgens regelrecht ins Gesicht geschrieben und Entzündungsprozesse können sich an der Haut bemerkbar machen.

Unsere Haut ist also nicht nur eine Oberfläche, sondern ein lebendes Organ, das auf Vorgänge im gesamten Körper reagiert.

Besonders interessant wird diese Verbindung beim Immunsystem. Die Haut ist eine riesige bewachte Grenze. Jeden Augenblick trifft sie auf Mikroorganismen und fremde Stoffe, und ihr Immunsystem muss unterscheiden, was toleriert werden kann und wann eine Abwehrreaktion notwendig wird.

Im Darm findet im Grunde dieselbe Aufgabe noch einmal statt, nur nach innen gefaltet. Auch dort trennt eine erstaunlich dünne Barriere eine Welt voller Nahrung, Mikroorganismen und fremder Moleküle von unserem Körper.

Haut und Darm sind damit zwei weit voneinander entfernte Grenzstationen desselben Organismus.

Und diese Grenzstationen tauschen Nachrichten aus.

Wenn Darm und Haut miteinander sprechen

Die Wissenschaft bezeichnet diese Verbindung als Darm-Haut-Achse, international „Gut-Skin Axis“. Das Wort „Achse“ klingt technisch, tatsächlich kann man sich dahinter eher ein dichtes Nachrichtennetz vorstellen.

Denken Sie an zwei Städte, die weit voneinander entfernt liegen. Trotzdem beeinflussen sie sich gegenseitig, weil Waren zwischen ihnen transportiert werden, Menschen miteinander telefonieren, Daten durch Leitungen fließen und Entscheidungen an einem Ort Folgen für den anderen haben können.

In unserem Körper übernehmen unter anderem Immunbotenstoffe und Stoffwechselprodukte solche Aufgaben. Besonders spannend sind dabei die Substanzen, die unsere Darmmikroben herstellen. Milliarden Mikroorganismen zerlegen dort Nahrungsbestandteile, verändern körpereigene Moleküle und erzeugen daraus wiederum neue Verbindungen.

Einige Darmbakterien bilden beispielsweise aus bestimmten Ballaststoffen kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Acetat oder Propionat. Die Namen muss man sich nicht merken. Entscheidend ist, dass diese Stoffe nicht einfach bedeutungsloser mikrobieller Abfall sind. Sie stehen unter anderem mit der Darmbarriere und unserem Immunsystem in Verbindung und gehören zu den Molekülen, über die heute die Kommunikation zwischen Darm und anderen Organen erforscht wird.

Auch Bacillus subtilis ist in dieser Welt kein stiller Passagier. Er bringt seine eigene Stoffwechselmaschinerie mit, produziert Enzyme und andere biologisch aktive Verbindungen und tritt damit in eine mikrobielle Gemeinschaft ein, die selbst Teil unseres Stoffwechsels geworden ist.

Deshalb beschäftigt sich die Hautforschung inzwischen intensiv mit dem Darmmikrobiom. Bei Akne, Neurodermitis, Psoriasis und anderen Hauterkrankungen wird untersucht, wie Veränderungen der Darmflora, der Darmbarriere, mikrobieller Stoffwechselprodukte und des Immunsystems miteinander zusammenhängen.

Das bedeutet vor allem eines: Was wir auf der Haut sehen, müssen wir nicht ausschließlich auf der Haut suchen.

Dann ergießt sich die Galle in diese mikrobielle Welt

Genau an dieser Stelle kommt die Leber ins Spiel, und hier wird die Geschichte besonders interessant.

Vielleicht haben Sie schon einmal gehört, dass eine „überlastete Leber“ irgendwann Hilfe von der Haut benötigt und der Körper deshalb Giftstoffe über sein größtes Organ ausscheidet. Dieses Bild ist populär, weil man es sich leicht vorstellen kann. Die wirkliche Verbindung zwischen Leber, Darm und Haut funktioniert anders, ist aber viel faszinierender.

Die Leber produziert jeden Tag Galle. Diese gelblich-grüne Flüssigkeit enthält unter anderem Gallensäuren und wird entweder direkt in den Dünndarm abgegeben oder zunächst in der Gallenblase gespeichert und dort konzentriert. Sobald eine Mahlzeit – besonders eine fetthaltige – im Dünndarm ankommt, zieht sich die Gallenblase zusammen und gibt ihren Inhalt ab.

Man kann sich diesen Moment tatsächlich bildlich vorstellen: Aus der Leber beziehungsweise der Gallenblase trifft ein kräftiger Schuss Gallensaft auf den Speisebrei im Dünndarm.

Die Gallensäuren wirken dort zunächst ein wenig wie Spülmittel. Fett und Wasser vertragen sich bekanntlich schlecht. Gallensäuren besitzen jedoch Eigenschaften, mit denen sie große Fetttröpfchen in viel kleinere Strukturen überführen können. Dadurch bekommen unsere Verdauungsenzyme überhaupt erst eine große Angriffsfläche, und Fette sowie fettlösliche Stoffe können wesentlich besser aufgenommen werden.

Doch nun passiert etwas, das für unsere Geschichte entscheidend ist.

Der Gallensaft landet nicht in einem sterilen Rohr.

Er gelangt in genau die Welt, in der Mikroorganismen leben und in der auch Bacillus subtilis aktiv werden kann.

Damit treffen zwei gewaltige biochemische Systeme aufeinander: unsere eigenen Verdauungssäfte und der Stoffwechsel unserer Mikroben.

Ein Teil der Gallensäuren wird später wieder aufgenommen und zur Leber zurücktransportiert. Ein anderer Teil begegnet auf seinem Weg mikrobiellen Enzymen, durch die Gallensäuren chemisch verändert werden. Aus Molekülen, die ursprünglich von unserer Leber hergestellt wurden, entstehen auf diese Weise neue Varianten mit anderen biologischen Eigenschaften.

Unsere Mikroben verändern also einen Verdauungssaft, den unser eigener Körper zuvor hergestellt hat.

Allein das zeigt, wie wenig sinnvoll es ist, menschlichen Stoffwechsel und mikrobiellen Stoffwechsel als zwei getrennte Welten zu betrachten.

Und mitten darin arbeitet Bacillus subtilis

Für Bacillus subtilis ist die Galle keineswegs nur irgendeine Flüssigkeit, die zufällig durch denselben Darm fließt. Wer im Dünndarm aktiv werden will, muss mit genau diesem chemischen Milieu zurechtkommen, denn dort treffen Mikroorganismen auf Gallensäuren, Verdauungsenzyme, wechselnde Nährstoffmengen und andere Bakterien.

Bacillus subtilis bringt für diese Umgebung ein umfangreiches enzymatisches Repertoire mit. Seine biologische Stärke besteht gerade darin, auf wechselnde Bedingungen reagieren, unterschiedliche Nährstoffquellen nutzen und sich gegenüber anderen Mikroorganismen behaupten zu können.

Hier bekommt unser Bild vom Gärtner eine weitere Ebene. Der Garten besteht nämlich nicht nur aus Bakterien. Durch ihn fließen ständig neue Stoffe: Nahrung, Bauchspeichel, Darmsäfte und Galle. Alles verändert die Bedingungen, und die Mikroorganismen wiederum verändern einen Teil dessen, was durch ihren Lebensraum hindurchfließt.

So wird der Dünndarm zu einem Ort, an dem menschliche Verdauung und mikrobieller Stoffwechsel ineinandergreifen.

Gallensäuren sind dafür ein besonders schönes Beispiel, weil wir inzwischen wissen, dass sie nach ihrer Arbeit bei der Fettverdauung noch einen zweiten Beruf besitzen. Sie wirken als Signalmoleküle und können über spezielle Rezeptoren Stoffwechsel- und Immunprozesse beeinflussen.

Und damit sind wir wieder bei unserer Haut.

Denn Gallensäuren und ihre mikrobiell veränderten Formen werden inzwischen auch innerhalb der Darm-Haut-Achse untersucht. Aus dem Gallensaft, der zunächst nur nach Verdauung klingt, wird damit ein Teil eines viel größeren biologischen Nachrichtensystems.

Das alte Bild „Leber überlastet – Haut muss entgiften“ wird dadurch nicht nur korrigiert, sondern durch eine wesentlich spannendere Geschichte ersetzt: Die Leber produziert Galle, diese gelangt in eine von Mikroorganismen bewohnte Welt, dort werden Moleküle weiterverarbeitet und die daraus entstehenden Signale treffen auf Stoffwechsel und Immunsystem – zwei Systeme, mit denen auch unsere Haut ununterbrochen verbunden ist.

Was sieht man einem Darm auf der Haut an?

Natürlich können wir morgens nicht in den Spiegel schauen und an einem Pickel erkennen, welche Mikroben gerade in unserem Dünndarm aktiv sind. Unsere Haut reagiert auf viel zu viele Einflüsse, als dass sich ihr Zustand auf einen einzigen Faktor reduzieren ließe.

Trotzdem kennen wir alle den grundlegenden Zusammenhang zwischen inneren Vorgängen und äußerem Erscheinungsbild.

Hormonschwankungen verändern die Haut. Stress kann sie sichtbar beeinflussen. Schlafmangel hinterlässt Spuren, ebenso können bestimmte Mangelzustände Haut, Haare oder Nägel verändern. Entzündliche Prozesse im Körper und Reaktionen des Immunsystems machen ebenfalls nicht grundsätzlich vor der Haut halt.

Warum sollten wir ausgerechnet das größte mikrobielle Ökosystem unseres Körpers aus dieser Betrachtung ausschließen?

Die Forschung zur Darm-Haut-Achse tut genau das Gegenteil. Sie versucht zu verstehen, über welche Wege die mikrobielle Welt im Darm mit einem Organ verbunden ist, das viele Meter entfernt zu liegen scheint und doch zum selben biologischen Netzwerk gehört.

Damit bekommt auch unser täglicher Blick in den Spiegel eine andere Bedeutung.

Zurück zum Cremetiegel

Die Creme, mit der unsere Geschichte begonnen hat, darf selbstverständlich im Badezimmer stehen bleiben. Sie kann die Hautbarriere von außen unterstützen, Feuchtigkeit halten und bestimmte Wirkstoffe unmittelbar an die Oberfläche bringen. Auch ein guter Sonnenschutz erfüllt eine Aufgabe, die kein Darmbakterium übernehmen kann.

Aber der Cremetiegel ist nur eine Seite der Hautpflege.

Die andere Seite sehen wir nicht, obwohl sie rund um die Uhr arbeitet. Sie beginnt bei der Versorgung unserer Hautzellen, führt über Hormone und Immunsystem und reicht bis zu Leber, Galle, Darm und den Milliarden Mikroorganismen, die dort ihren eigenen Stoffwechsel betreiben.

Und mitten in diesem Ökosystem begegnet uns wieder Bacillus subtilis.

Nicht als Anti-Falten-Bakterium und auch nicht als Beauty-Wirkstoff, sondern als lebende Mikrobe mit einer erstaunlichen Stoffwechselaktivität. Er keimt im Dünndarm aus, produziert Enzyme und andere Verbindungen, konkurriert mit anderen Mikroorganismen und arbeitet in einem Lebensraum, in dem Nahrung, Verdauungssäfte, Galle und Mikroben permanent aufeinandertreffen.

Genau deshalb ist das Bild des Darmgärtners so passend. Wir sprechen nicht von einem einzelnen Stoff, den man schluckt und der anschließend irgendwo im Körper eine bestimmte Wirkung ausführt. Wir sprechen von einem lebenden Akteur innerhalb eines lebenden Systems.

Darmpflege vor Hautpflege?

Vielleicht ist selbst diese Überschrift am Ende noch zu eng.

Denn eigentlich geht es nicht darum, sich zwischen Darm und Haut zu entscheiden. Wir haben nur sehr lange fast unsere gesamte Aufmerksamkeit auf die Seite gerichtet, die wir sehen können.

Heute entdecken wir, dass schon unsere Hautoberfläche ein Ökosystem ist. Wir beginnen, ihre Mikroorganismen nicht mehr grundsätzlich als Feinde zu betrachten, sondern als Bewohner einer natürlichen Lebensgemeinschaft. Gleichzeitig zeigt uns die Forschung zur Darm-Haut-Achse, dass wenige Meter weiter innen ein noch größeres mikrobielles Ökosystem mit unserem Stoffwechsel und unserem Immunsystem verbunden ist.

Dort fließt Gallensaft durch den Dünndarm, dort werden Nahrungsbestandteile zerlegt, dort verändern Mikroben Moleküle unseres eigenen Körpers und dort öffnet Bacillus subtilis seine biochemische Werkzeugkiste.

Vielleicht besteht moderne Hautpflege deshalb nicht darin, immer noch einen weiteren Tiegel ins Badezimmer zu stellen.

Vielleicht besteht der nächste große Schritt darin, zu verstehen, dass die Haut im Spiegel nur die sichtbare Oberfläche eines viel größeren biologischen Systems ist.

Wir können diese Oberfläche pflegen. Aber den Garten darunter sollten wir nicht vergessen.

Über den Autor

Andreas W. Kraus beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Bacillus subtilis und der Frage, welche Rolle dieses außergewöhnlich vielseitige Bakterium im menschlichen Darm spielen kann. Für Subtila24 verfolgt und analysiert er wissenschaftliche Arbeiten rund um Mikrobiom, Stoffwechsel, Verdauung, gesundes Altern und Bacillus subtilis und übersetzt die oft komplexen Ergebnisse in verständliche Zusammenhänge. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem Referenzstamm DSM 21097.

Weiterlesen: Bacillus subtilis – die Stoffwechselfabrik

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir Bacillus subtilis als metabolisch außergewöhnlich aktive Mikrobe bezeichnen? Die Antwort führt in eine erstaunliche Produktionswelt: Neben zahlreichen Enzymen kann Bacillus subtilis unter anderem verschiedene B-Vitamine, Peptide, Signalstoffe, antimikrobielle Substanzen und weitere biologisch aktive Verbindungen bilden.

→ Die Stoffwechselfabrik: Bacillus subtilis und seine Vielfalt