Probiotika – viele Irrtümer. Was stimmt wirklich?
Viele Stämme, Milliarden Keime und der Aufbau der Darmflora – vieles, was über Probiotika selbstverständlich klingt, ist wissenschaftlich längst nicht so einfach. Was wirklich zählt und warum Bacillus subtilis dabei besonders interessant wird.
Wer vor einem Regal mit Probiotika steht, könnte glauben, die wichtigste Frage sei längst beantwortet: Wie viel bekomme ich für mein Geld? Auf den Verpackungen stehen fünf, zehn oder zwanzig verschiedene Bakterienstämme, daneben zehn, zwanzig oder fünfzig Milliarden lebende Keime. Manche Kapseln sind magensaftresistent, andere werben mit besonders ausgeklügelten Kombinationen. Fast zwangsläufig entsteht dabei ein Bild, das sehr einleuchtend klingt. Unser Darm braucht nützliche Bakterien, also führen wir möglichst viele davon zu. Sie überstehen den Magen, gelangen in den Darm, siedeln sich dort an und verstärken die vorhandene Darmflora.
Dieses Bild ist so anschaulich, dass es sich seit Jahren hält. Mit dem, was wir inzwischen über das menschliche Mikrobiom wissen, hat es allerdings nur noch teilweise zu tun.
Das beginnt bereits bei der beeindruckenden Zahl auf der Verpackung. Wenn dort 20 Milliarden lebende Bakterien angegeben sind, beschreibt diese Zahl zunächst einmal, wie viele Mikroorganismen mit dem Präparat aufgenommen werden sollen. Daraus folgt nicht, dass dieselbe Zahl später lebend im Darm ankommt. Der Weg dorthin führt durch eine Umgebung, die Mikroorganismen keineswegs freundlich empfängt. Im Magen wartet Säure, danach verändern sich pH-Wert und Verdauungssäfte erneut. Lactobacillen und Bifidobakterien können diese Passage durchaus überstehen, und eine geeignete Verkapselung kann ihre Überlebenschancen erheblich verbessern. Trotzdem bleibt zwischen der Zahl auf dem Etikett und der Zahl der tatsächlich ankommenden lebenden Zellen ein biologischer Unterschied.
Aber selbst wenn Milliarden Bakterien diese Reise überstehen, beginnt das eigentliche Problem erst danach. Der menschliche Darm ist keine freie Fläche, die nur darauf wartet, neu bepflanzt zu werden. Er ist eines der am dichtesten besiedelten Ökosysteme unseres Körpers. Unzählige Mikroorganismen konkurrieren dort um Nahrung und Lebensraum, leben voneinander, produzieren Stoffwechselprodukte und beeinflussen gegenseitig ihre Lebensbedingungen. Eine solche Gemeinschaft lässt Neuankömmlinge nicht einfach einziehen, nur weil wir sie in einer Kapsel hinunterschlucken.
Wie ausgeprägt dieser Widerstand sein kann, zeigte eine ungewöhnlich gründliche Humanstudie. Die Teilnehmer nahmen eine Mischung aus elf probiotischen Bakterienstämmen ein. Die Forscher beschränkten sich anschließend nicht darauf, im Stuhl nach diesen Mikroorganismen zu suchen, sondern untersuchten auch verschiedene Bereiche des Verdauungstraktes und der Darmschleimhaut. Dabei zeigte sich, dass die zugeführten Bakterien durchaus den Verdauungstrakt erreichen konnten. Ob sie sich dort jedoch an der Schleimhaut behaupteten, unterschied sich erheblich von Mensch zu Mensch. Bei einigen Teilnehmern gelang dies wesentlich besser als bei anderen, deren bereits vorhandenes Mikrobiom den Neuankömmlingen offenbar erheblichen Widerstand entgegensetzte.
Damit wird ein Unterschied wichtig, der in der Werbung für Probiotika leicht verloren geht. Ein Bakterium kann den Magen überleben, durch den Darm wandern und später sogar im Stuhl nachgewiesen werden, ohne deshalb zu einem dauerhaften Bewohner unserer Darmflora geworden zu sein. Viele probiotische Mikroorganismen verschwinden nach Ende der Einnahme wieder. Der menschliche Darm ist offenbar wesentlich weniger bereit, sich dauerhaft neu möblieren zu lassen, als es das populäre Bild vom „Aufbau der Darmflora“ vermuten lässt.
Auch die zweite große Zahl auf vielen Verpackungen bekommt dadurch eine andere Bedeutung: die Anzahl der verschiedenen Stämme. Zwanzig Stämme sehen nach mehr biologischer Vielfalt aus als einer, und mehr Vielfalt klingt bei einem so vielfältigen Ökosystem wie dem Darm zunächst vernünftig. Doch auch diese einfache Rechnung findet in der Forschung erstaunlich wenig Unterstützung. Eine systematische Auswertung von 65 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 10.863 Teilnehmern verglich Präparate mit mehreren Stämmen mit solchen, die nur einen Stamm enthielten. In der Mehrzahl der direkten Vergleiche ließ sich kein signifikanter Vorteil der Multistammpräparate nachweisen.
Das ist deshalb interessant, weil es einen grundlegenden Denkfehler sichtbar macht. Bakterien werden nicht dadurch zu einer leistungsfähigeren Gemeinschaft, dass man möglichst viele verschiedene in dieselbe Kapsel füllt. Manche Kombinationen können sinnvoll sein und wurden auch entsprechend untersucht. Verschiedene Mikroorganismen können sich aber ebenso in ihren Ansprüchen unterscheiden oder miteinander um Ressourcen konkurrieren. Ob zwölf Stämme gemeinsam mehr bewirken als einer, lässt sich deshalb nicht durch Abzählen beantworten.
Wenn aber weder eine möglichst große Zahl verschiedener Stämme noch die Vorstellung einer dauerhaften Besiedlung zuverlässig erklärt, was ein gutes Probiotikum ausmacht, bleibt eine viel interessantere Möglichkeit: Vielleicht haben wir zu lange darauf geschaut, wer bleibt, und zu wenig darauf, was ein Mikroorganismus tut, solange er da ist.
An diesem Punkt wird Bacillus subtilis besonders interessant, denn dieses Bakterium verfolgt eine biologisch völlig andere Strategie als viele der bekannten Lactobacillen und Bifidobakterien. Es kann Sporen bilden. Dabei handelt es sich nicht um eine Fortpflanzungsform, sondern um einen extrem widerstandsfähigen Überlebenszustand. Der Stoffwechsel wird weitgehend heruntergefahren, wichtige Zellbestandteile und das Erbgut werden geschützt, und aus dem aktiven Bakterium entsteht eine Form, die Hitze, Austrocknung, Nährstoffmangel und andere ungünstige Umweltbedingungen erstaunlich lange überstehen kann.
Für die Reise durch unseren Verdauungstrakt verändert das die Ausgangslage vollständig. Eine aktive, empfindlichere Bakterienzelle muss die saure Umgebung des Magens möglichst unbeschadet überstehen. Eine Bacillus-subtilis-Spore kommt dagegen bereits in einem Zustand an, dessen biologische Aufgabe gerade darin besteht, schwierige Umweltbedingungen auszuhalten. Interessant wird diese Fähigkeit allerdings erst dann, wenn die Spore später nicht einfach wieder ausgeschieden wird, sondern erkennt, dass die Umwelt günstiger geworden ist, ihre Schutzform verlässt und wieder zu einem aktiven Bakterium wird.
Genau dieser Vorgang wurde beim Menschen beobachtet. Forscher untersuchten Personen mit einer Ileostomie, bei denen sich der Inhalt des letzten Abschnitts des Dünndarms direkt untersuchen lässt. Nach der Einnahme von Sporen eines Bacillus-subtilis-Stammes fanden sie dort einige Stunden später nicht nur die aufgenommenen Sporen, sondern auch lebende vegetative Bacillus-subtilis-Zellen. Ein Teil der Sporen hatte also seine Ruheform verlassen und war im menschlichen Dünndarm wieder stoffwechselaktiv geworden.
Damit verändert sich die ganze Vorstellung davon, was ein probiotischer Mikroorganismus leisten muss. Bacillus subtilis braucht nicht zwangsläufig einen freien Bauplatz im Dickdarm, auf dem er sich dauerhaft niederlässt. Er kann als Spore durch eine lebensfeindliche Umgebung reisen, unter geeigneten Bedingungen auskeimen und für eine begrenzte Zeit als aktive Zelle am Geschehen im Verdauungstrakt teilnehmen. Danach kann er wieder verschwinden. Dauerhafte Anwesenheit und biologische Wirkung sind zwei verschiedene Dinge.
Und erst jetzt wird wirklich interessant, was nach dem Auskeimen passiert.
Ein aktiver Bacillus subtilis ist keine kleine Kugel, die untätig zwischen den übrigen Darmbakterien liegt. In dieser winzigen Zelle arbeitet eine biochemische Fabrik. Für die Art sind weit über tausend verschiedene Metabolite beschrieben worden. Natürlich handelt es sich dabei nicht um weit über tausend geheimnisvolle Wirkstoffe für den Menschen; ein großer Teil gehört schlicht zum eigenen Stoffwechsel des Bakteriums. Die enorme Vielfalt zeigt aber, welche chemische Aktivität sich hinter einem Organismus verbirgt, der mit bloßem Auge überhaupt nicht sichtbar ist.
Dazu kommen zahlreiche Enzyme. Eines davon ist Phytase, und an ihr lässt sich sehr schön zeigen, wie konkret die Arbeit eines Bakteriums im Verdauungstrakt werden kann. Wer Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Nüsse oder Samen isst, nimmt mit diesen Lebensmitteln auch Phytat auf. Phytat kann Mineralstoffe wie Eisen, Zink, Calcium und Magnesium binden. Die Mineralstoffe sind dann zwar Bestandteil unserer Nahrung, ein Teil von ihnen steckt aber gewissermaßen in einer chemischen Umklammerung.
Phytase kann diese Verbindung aufbrechen, indem sie Phytat schrittweise spaltet. Dadurch können zuvor gebundene Mineralstoffe freigesetzt werden. Aus einem abstrakten Satz wie „Bakterien produzieren Enzyme“ wird damit ein Vorgang, den man sich unmittelbar vorstellen kann: Wir essen ein pflanzliches Lebensmittel, gleichzeitig befindet sich ein aktives Bakterium im Verdauungstrakt, das ein Enzym herstellen kann, welches Bestandteile dieser Nahrung chemisch verändert.
Phytase ist dabei nur ein Beispiel. Bacillus subtilis kann auch Proteasen bilden, darunter die nach der Gattung benannten Subtilisine, die Proteine spalten. Hinzu kommen zahlreiche weitere Stoffwechselprodukte und Substanzen, mit denen verschiedene Bacillus-subtilis-Stämme auf andere Mikroorganismen einwirken können. Im Darm trifft dieses Bakterium schließlich nicht auf eine sterile Nährlösung, sondern auf eine gewaltige mikrobielle Gemeinschaft, in der ständig Nahrung umgesetzt, Stoffe produziert und Lebensraum verteidigt wird. Wenn Bacillus subtilis dort auskeimt, wird er für die Zeit seiner Aktivität Teil dieses Geschehens.
Gerade deshalb ist die Tatsache, dass ein solcher Besucher später wieder verschwindet, nicht zwangsläufig enttäuschend. Ein Gärtner muss nicht dauerhaft im Garten wohnen, um dort zu arbeiten. Entscheidend ist, ob er während seiner Anwesenheit etwas tut. Übertragen auf Mikroorganismen bedeutet das: Vielleicht ist die Vorstellung vom Probiotikum als neuem dauerhaften Darmbewohner viel zu eng. Ein Mikroorganismus kann kommen, aktiv werden, Stoffe umsetzen, mit seiner Umgebung interagieren und anschließend wieder verschwinden.
Bis hierher beschreibt das allerdings zunächst Biologie. Ein Bakterium kann im Labor noch so viele interessante Enzyme und Stoffwechselprodukte bilden – daraus folgt nicht automatisch, dass der Mensch nach der Einnahme irgendeinen messbaren Nutzen davon hat. Dafür muss man Menschen untersuchen.
Und genau hier nimmt die Geschichte von Bacillus subtilis eine unerwartete Wendung, denn die Humanforschung endet längst nicht bei der Verdauung.
In einer 2024 veröffentlichten randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Untersuchung nahmen 88 gesunde Erwachsene zwölf Wochen lang entweder ein Präparat mit mindestens 3,4 Milliarden Sporen eines Bacillus-subtilis-Stammes pro Tag oder ein Placebo ein. Die Wissenschaftler interessierten sich dabei ausgerechnet für etwas, das kaum jemand spontan mit einem Darmbakterium verbinden würde: die Knie. Nach zwölf Wochen zeigte die Bacillus-Gruppe beim gesamten JKOM-Kniescore und bei den Aktivitäten des täglichen Lebens signifikant bessere Ergebnisse als die Placebogruppe.
Allein dieser Befund zwingt dazu, das alte Bild vom „Darmbakterium“ zu überdenken. Zwischen Darm und Knie liegt schließlich eine beträchtliche Strecke. Ein Bakterium muss nicht aus dem Darm ins Knie wandern, damit dort etwas messbar wird. Der Darm steht über Stoffwechselprodukte, Immunprozesse und zahlreiche Signalwege mit dem übrigen Körper in Verbindung. Genau deshalb beschäftigen sich Forscher inzwischen mit einer Darm-Gelenk-Achse, ähnlich wie längst über Darm-Hirn-, Darm-Leber- oder Darm-Knochen-Verbindungen gesprochen wird.
Auch für Letztere gibt es bemerkenswerte Humanbefunde. In einer 24-wöchigen Untersuchung mit 76 postmenopausalen Frauen wurde unter anderem die Knochenmineraldichte gemessen. An der Gesamthüfte nahm sie in der Bacillus-Gruppe um 2,53 Prozent zu, in der Vergleichsgruppe um 0,83 Prozent. An der Lendenwirbelsäule lagen die Veränderungen bei 1,52 gegenüber 0,29 Prozent.
Natürlich wurden diese Untersuchungen mit bestimmten Bacillus-subtilis-Stämmen, bestimmten Dosierungen und bestimmten Personengruppen durchgeführt. Sie sind deshalb kein Freibrief, jedes Ergebnis auf jeden beliebigen Stamm zu übertragen. Aber genau das macht die Geschichte wissenschaftlich erst interessant. Wir reden nicht mehr über die pauschale Vorstellung, „gute Bakterien seien gut für den Darm“. Wir beginnen einzelne Mikroorganismen danach zu untersuchen, was sie tatsächlich können und was davon sich beim Menschen nachweisen lässt.
Und damit sind wir wieder bei den zwanzig Stämmen und fünfzig Milliarden Keimen vom Anfang.
Vielleicht haben wir Probiotika lange mit den falschen Maßstäben betrachtet. Wir zählen Bakterien, als wäre die größte Zahl automatisch die beste. Wir zählen Stämme, als würden zwanzig verschiedene Mikroorganismen zwangsläufig zwanzigmal mehr können. Und wir sprechen vom „Aufbau der Darmflora“, als müsse ein zugeführtes Bakterium erst dauerhaft bei uns einziehen, bevor seine Anwesenheit irgendeinen Sinn ergibt.
Die Forschung zeichnet inzwischen ein sehr viel spannenderes Bild. Ein Mikroorganismus kann den Verdauungstrakt durchqueren, ohne dauerhaft Teil unseres Mikrobioms zu werden, und während dieser begrenzten Zeit trotzdem biologisch aktiv sein. Entscheidend wird damit nicht nur, wie viele Bakterien wir schlucken, sondern vor allem, welche Bakterien wir schlucken und was sie nach ihrer Ankunft tatsächlich tun.
Bacillus subtilis macht diesen Perspektivwechsel besonders anschaulich. Er beginnt seine Reise nicht als empfindliche aktive Zelle, sondern als widerstandsfähige Spore. Beim Menschen wurde gezeigt, dass solche Sporen den Dünndarm erreichen und dort wieder in aktive vegetative Zellen übergehen können. In diesem Zustand steht dem Bakterium ein enorm vielseitiger Stoffwechsel zur Verfügung: Es kann Enzyme bilden, Nahrungsbestandteile verändern, mit anderen Mikroorganismen interagieren und zahlreiche Stoffwechselprodukte erzeugen. Und Humanstudien mit verschiedenen Stämmen zeigen inzwischen, dass die Forschung an diesem Organismus weit über die klassische Frage nach Verdauung und Stuhlgang hinausgeht.
Vielleicht ist deshalb ausgerechnet die einfachste Frage auf einer Probiotika-Packung die falsche: Wie viel ist drin?
Die interessantere Frage beginnt erst danach.
Was passiert, wenn es lebend ankommt?
© 2026 Subtila24 / Andreas W. Kraus. Alle Rechte vorbehalten.
Über den Autor
Andreas W. Kraus beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Bacillus subtilis, Mikrobiomforschung und angrenzenden biologischen Themen. Weitere Artikel, Bücher und Veröffentlichungen finden Sie auf seiner Autorenseite: bacillussubtilis.eu